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2/2017

JUGENDSCHUTZ

FORUM

O

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Die Kinder sind

mittendrin in der

häuslichen Hölle.

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„Nein, die Kinder haben davon nichts mitgekriegt…“

oder „Den Kindern hat er nie was getan…“, so hört

man oft von betroffenen Frauen, die Hilfe suchen,

weil sie in der Partnerschaft körperliche, emotionale

und/oder sexuelle Gewalt erfahren. Ein frommer

Wunsch – aber die Realität sieht anders aus. Kinder

nehmen immer die Gewalt in der Familie wahr. Sie

hören auch aus dem Kinderzimmer das Schreien

und Fluchen, das Weinen und Flehen, das Gepolter

und die Schmerzensäußerungen. Sie verstecken sich

unter der Decke und halten sich die Ohren zu und

sehen doch am nächsten Morgen die blauen Flecke

und Wunden. Vor allem spüren sie: die Stimmung,

die dicke Luft, die Angst, das falsche Lächeln, die

aufgesetzte Laune, die Demütigung, das Versteck-

spiel. Ihre gesamte Lebensumwelt ist instabil, ge-

fährlich, unberechenbar. Genau das Gegenteil von

dem, was Kinder für ein gedeihliches Großwerden

brauchen.

Die Zeugenschaft von Gewalt in der Familie ist eine

schädigende Gewalterfahrung – und es macht keinen

Unterschied, ob das Kind selbst am eigenen Kör-

per misshandelt wurde oder nicht. Die Gefühle der

Kinder sind in jedem Fall Angst, Ohnmacht, Scham,

Entwertung, Erniedrigung. Die Atmosphäre ist span-

nungsgeladen, emotional verwirrend und zutiefst

ambivalent. Denn es ist ein geliebter Mensch, der

einem anderen geliebten Menschen Gewalt antut.

Das Miterleben von Gewalt an einem Familienmitglied

wird in Folterregimen als genau das eingesetzt: als

Folter. Viele Mädchen und Jungen sind durch das Er-

lebte traumatisiert.

2015 wurden von der Polizeilichen Kriminalstatistik

128.000 Opfer von Partnerschaftsgewalt erfasst, da-

von über 80 Prozent Frauen. Zumindest die erkenn-

bar körperliche und sexuelle Gewalt scheint überwie-

gend von Männern an Frauen verübt zu werden. Die

Kinder sind mittendrin in der häuslichen Hölle.

Folgen erlebter Gewalt

Betroffene Kinder sind oft in ausgeprägter Form

niedergeschlagen und ängstlich, häufig auch un-

ruhig und aggressiv. Die Gewalterfahrung untergräbt

die Lernbereitschaft und Lernfähigkeit, so dass die

kognitive Entwicklung und der Schulerfolg erheblich

beeinträchtigt werden. Untersuchungen aus den USA

haben gezeigt, dass der IQ betroffener Kinder um bis

zu acht Punkte sinken kann, vor allem wenn die Ge-

walt häufiger erlebt wird. In diesem Umfang können

Fördermaßnahmen das nicht mehr ausgleichen.

Häufig wird die soziale Entwicklung negativ beein-

flusst. Die Kinder bauen stereotype Geschlechts-

rollenbilder auf, verhalten sich aggressiv, tun sich

schwer bei der Aufnahme positiver Freundschaften,

Wenn der Papa die Mama haut…

Kinder als Zeugen häuslicher Gewalt