Previous Page  7 / 16 Next Page
Information
Show Menu
Previous Page 7 / 16 Next Page
Page Background

2/2017

JUGENDSCHUTZ

FORUM

O

7

Dieser Artikel ist mit

freundlicher Genehmigung

aus dem AJS FORUM

2-2017 abgedruckt.

Bildungsstelle Häusliche

Gewalt Luzern (Hrsg.):

Vom Glücksballon

in meinem Bauch.

Kinder erleben häusliche

Gewalt – Bilderbuch mit

Begleitmaterial, Auto-

rinnen: Sandra Fausch/

Marion Mebes/Andrea

Wechlin/Claudia Rot-

henfluh.

Verlag mebes@

noack.

Alle Untersuchungen,

Forschungsergebnisse

und Hintergründe finden

sich in:

Barbara Kavemann/

Ulrike Kreyssig (Hrsg.):

Handbuch Kinder und

häusliche Gewalt.

Springer Verlag, 3. Aufl.

2013, 635 Seiten.

Bilderbuch-Tipp

sind eingeschränkt darin, Konflikte konstruktiv zu

bewältigen. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass

das Erlernen von Beziehungsfähigkeit und damit ein

zentraler Bereich für das Lebensglück eingeschränkt

wird. Zusätzlich gibt es eine Tendenz, das Erlebte zu

wiederholen, heißt: Gewalt selbst auszuüben oder

Partnerschaftsgewalt zu erdulden.

Kinder sind in jedem Fall mitbetroffen

Allein häusliche Gewalt mitzuerleben, zeigt also sehr

in Richtung Kindeswohlgefährdung. Zudem gibt

es auch ein hohes Risiko für direkte Kindesmiss-

handlung, vor allem bei sehr häufiger und schwerer

Gewalt. Viele Gewaltausübende zeichnen sich aus

durch eine hohe Selbstbezogenheit und übermäßig

autoritäre Erziehungsvorstellungen, wodurch es ihnen

schwer fällt, Beziehungen angemessen und kindge-

mäß zu gestalten. Das heißt, dass sie im Grunde nicht

erziehungsfähig sind. Das gleiche gilt leider auch für

die Betroffenen der Gewalt. Das Erdulden der Gewalt,

der angstbesetzte Alltag führt zu vielfältigen körper-

lichen und psychischen Beeinträchtigungen, die die

Erziehungsfähigkeit massiv in Mitleidenschaft ziehen.

Vor allem sind die Betroffenen zumeist nicht mehr in

der Lage, ihre Kinder zu schützen.

Die Kinder wiederum erfahren durch die mangelnde

Sicherheit eine Störung ihrer frühen Bindung. Das

elterliche Verhalten ist unvorhersehbar. Es entwi-

ckelt sich wenig Vertrauen, Selbstwirksamkeit und

Steuerungsfähigkeit. Es fehlt an allen Enden an

Kommunikation, vor allem über Gefühle und emotio-

nale Wahrnehmung. Ein Kinderleben ohne Sprache

und Wertschätzung. Und dann die Zerrissenheit:

Der Hass auf den Vater, der wütet, die gleichzeitige

Liebe, vielleicht sogar Bewunderung für die „Stärke“.

Die Angst um die Mutter, der Wunsch, ihr zu helfen

und sie zu verteidigen, gleichzeitig die Befürchtung,

selbst ins Schussfeld zu geraten, und ein wenig

auch Verachtung, dass sie sich nicht wehrt. Das

Gefühl, an den Auseinandersetzungen vielleicht

Schuld zu sein, ein schlechtes Gewissen, weil sich

das Kind dem übermächtigen Erwachsenen nicht

in den Weg gestellt hat…alles in allem ein toxischer

Gefühlscocktail.

Was heißt das für den Kinderschutz?

Grundlegend ist, dass die Zeugenschaft von Gewalt

in ihrer Bedeutung gleichzusetzen ist mit allen ande-

ren Gewaltformen wie körperlicher, seelischer und

sexualisierter Gewalt. Das muss im Bewusstsein aller

Beteiligten, auch des Hilfesystems, verankert werden.

„Familiäre Konflikte“, ein „schiefer Haussegen“ sind,

sofern sie mit Gewalt einhergehen, keine Kavaliers-

delikte – und zwar im Sinne des Schutzes der Kinder,

die im Haushalt leben. Die Zeugenschaft von Ge-

walt kann das Kindeswohl gefährden und die Kinder

brauchen Schutz vor dem Miterleben. Schließlich ist

es seit Jahrzehnten üblich, durch vielerlei Beschrän-

kungen Kinder davor zu schützen, gewalttätige Filme

oder Computerspiele zu konsumieren. Die Konfronta-

tion mit realer Gewalt ist umso mehr „für Kinder nicht

geeignet“.

Sprachlosigkeit überwinden

Das Familiensystem, in dem Gewalt ausgeübt wird,

ist in der Regel äußerst verschlossen. Geheimhaltung

und Verleugnung von allen Mitgliedern ist die Regel.

Beide Eltern – das Opfer und der Täter – schotten

sich ab, idealisieren die Familie, entschuldigen das

Geschehen, machen Versprechungen: eine wechsel-

seitige emotionale Abhängigkeit. Die Kinder schwei-

gen aus Scham, Loyalität, Angst vor dem Gewaltaus-

übenden oder Angst vor dem Verlust dieser Familie

– und weil sie immer noch und jedes einzelne Mal

wieder Hoffnung haben, dass alles gut wird.

Die Gewalt muss benannt werden, gerade auch im

Kontakt mit dem Kind. Erkannt, benannt und bewer-

tet, ohne die Eltern zu entwerten. Das Kind braucht

Schutz und Beziehung, d. h. die unbedingte Wert-

schätzung der Eltern als Personen. Wenn die Eltern

Hilfe erhalten, ist das Kind entlastet von seiner Ver-

antwortung für die Eltern und den Erhalt der Familie.

Wesentlich ist auch, das Wohl des Kindes eigen-

ständig zu betrachten. Wie viele Kolleginnen in den

Frauenhäusern und in der Frauenberatung haben

sich schon die Haare gerauft, wenn eine Frau zum

wiederholten Male doch wieder nach Hause zurück-

gekehrt ist. Und die Kinder immer mit – hin und her

und wieder her und wieder hin. Aber Kinder sind kein

Handgepäck! Sie haben ein eigenes unabhängiges

Anrecht auf Schutz und sie brauchen Menschen und

Institutionen, die ihnen helfen, diesen durchzusetzen.

Was tut nun den Kindern gut? Würde man sie fragen,

wäre die Antwort sicher, dass sie unbedingt nach

Hause wollen. Die Alternative wäre ja eine Fremd-

unterbringung. Aber diese Verantwortung liegt nicht

bei den Kindern. Hier gilt es, sorgfältig und in jedem

Einzelfall abzuwägen. Vielleicht hilft es sogar der Mut-

ter, wenn explizit das Kind in den Blick genommen

wird und sie nochmal deutlich spürt, dass es hier

nicht allein um sie und ihren Partner geht, um so eine

Art „Liebesstreit“. Möglicherweise ist es für einige Be-

troffene eine Erleichterung, die Verantwortung abge-

ben zu können und zu einer Entscheidung gezwun-

gen zu werden, nach dem Motto: „Ich muss mich ja

trennen, sonst nehmen sie mir die Kinder weg.“

Natürlich sollte die Familie jedwede Hilfe bekommen,

die möglich ist, aber es mag sein, dass in manchen

Fällen das Kind in einer Einrichtung besser aufgeho-

ben ist, wenn keine Änderung der Lebenssituation in

Sicht ist.

Gisela Braun

(AJS)

braun@mail.ajs.nrw.de